Evangelisch-reformierte Kirche in Hamburg

Begegnung am Ratzeburger See

Philipp (Name geändert) hält einen Stock mit einem Marshmallow ins Feuer. Der Zehnjährige lehnt sich zufrieden in seinem Stuhl zurück. Gitarrenmusik, angeregte Unterhaltungen, über die Wiese toben eine weitere Handvoll Kinder und Jugendlicher. Als Erwachsener wundert man sich ja schon immer ein bisschen, wie das nach einem Tag mit Kanufahren, Ausflug, Baden, Fußballspielen und Badmintonspielen überhaupt noch geht, während man selbst doch schon ziemlich in den Seilen hängt. Die Stimmung ist ausgelassen – der Abend perfekt.

Familienwochenende im Freizeithaus Ratzeburger See. Im Verwalterhaus wir – Familie Fink mit Oma, Opa, meinem Mann, unseren zwei Kindern und mir – im Haupthaus eine Gruppe der Großstadtmission Altona, einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe und der Hilfe für Menschen mit Behinderungen. Ganz ungeplant mit von der Partie, weil ihr ursprüngliches Wochenenddomizil versehentlich storniert wurde und ihr Leiter als Gemeindeglied seine Gruppe hier noch kurzfristig unterbringen konnte. Ein Glücksgriff, wie sich herausgestellt hat. Nicht nur, weil das Haus an sommerlichen Frühlingswochenenden wie diesem üblicherweise ausgebucht ist.

Wir kommen ins Gespräch und erfahren Spannendes über ein außergewöhnliches Wohnprojekt. Philipp und die anderen Kinder und Jugendlichen leben nämlich in familienanalogen Wohngruppen. Davon gibt es gleich sieben in Hamburg und Schleswig-Holstein. Anders als in anderen Einrichtungen wachsen Kinder, die aus den verschiedensten Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können, oft von klein an in einer Art Pflegefamilie auf, bei denen die „Eltern“ Profis sind und zumindest über eine erzieherische oder sozialpädagogische Ausbildung verfügen. Hauptangestellt bei der Mission kümmern sie sich in stationären Heimeinrichtungen rund um die Uhr, 365 Tage lang um ihre Schützlinge – wohnen dort, verbringen ihr Leben gemeinsam mit ihnen, führen sie nach Möglichkeit wieder zurück in ihre Ursprungsfamilien oder entlassen sie im anderen Fall als sozial und emotional reife junge Erwachsene ins eigene Leben.

Siggi macht den Job seit über 20 Jahren. Sie und ihre Kollegin Astrid betreuen derzeit fünf Kinder. Der älteste der Gruppe ist gerade volljährig geworden und ist vor kurzem ausgezogen. Und Siggis erstes Kind von damals ist 30 und kommt, wie sie erzählt, noch immer wieder gerne „nach Hause“.

Astrid hat vorher in einer klassischen Wohngruppe gearbeitet – der Job jetzt erfüllt sie aber deutlich mehr: „Dort bin ich nach 24 Stunden nach Hause gegangen, war immer wieder raus aus dem Alltag der Kids. Auch, wenn ich Urlaub gemacht habe und dort das Leben weiterging. Hier bin ich ganz nah dran, kann besser investieren, auch emotional. Das ist irgendwie natürlicher – bei uns können sie wirklich Wurzeln schlagen.“ Dabei achten die „Eltern auf Zeit“ darauf, dass der Kontakt zu den leiblichen Eltern nach Möglichkeit gepflegt wird und beide Seiten nicht in Konkurrenz zueinander treten.

Das Konzept scheint zu greifen. Das Gelände ist erfüllt von Lachen, Lärmen und einem friedlichen und freundlichen Miteinander. Es ist schön, mit anzusehen, wie wohl sich diese Jungs und Mädels offensichtlich fühlen – von ihrer familiären Basis zu hören, das Gefühl zu haben, wie gut ihnen das tut. Robin (Name geändert), gerade volljährig geworden, erzählt mir noch, von seinem Leben in der Gruppe. Ihm gefällt es besonders gut, dass seine „Familie“ einen Pferdestall gepachtet hat, den er und die anderen Jugendlichen jedes Wochenende besuchen. Er steht kurz vor dem Schulabschluss und will später als Garten- und Landschaftsbauer arbeiten – ein junger Mann, der ganz augenscheinlich mit Hilfe seiner Betreuer eine Perspektive für sich entdeckt hat.

Martin Albermann, zuständig für die Jugendhilfeeinrichtungen bei der Großstadtmission, betont: „Wir achten stark auf die Qualität der Betreuung, überlassen nichts dem Zufall. Die Mitarbeiter dokumentieren ihre Arbeit täglich, jeder muss sich reflektieren, bei dem was wir tun, achten wir auf maximale Transparenz.“

Das gemeinsame Wochenende – eine Idee seiner Mitarbeiter – ist mehr oder minder eine Premiere: Eine gelungene. „Das ist sowas wie ne Tankstelle“, schwärmt Siggi, „Das tut uns so gut, schweißt zusammen. Die Kinder kennen sich zwar von Ausflügen, haben hier aber nochmal enger zusammengefunden. Wir konnten uns entspannt untereinander austauschen. Einfach klasse ist das hier – wir planen schon das nächste Jahr.“

Abschließend frage ich Siggi noch, was das Schönste an ihrer Arbeit ist. Sie grinst breit, ein wenig versonnen dabei, muss aber nicht lange überlegen: „Wenn wir zur Hochzeit eingeladen werden“. Noch dieses Jahr ist es bei ihrem allerersten Schützling soweit – und sie wird vermutlich dabei die eine oder andere Träne verdrücken…

 Jana Fink